Aktuelle Mitteilungen des Landesfischereiverbandes MV e.V.

Auf den folgenden Seiten möchten wir Ihnen aktuellste Informationen und Mitteilungen des Landesfischereiverbandes MV e.V. geben, sowie in komprimierter Form aktuelle Hinweise, Hintergrundberichte oder Pressemitteilungen veröffentlichen.



Deutschlandfunk: Leere Netze: Hobby-Angler, Berufs-Fischer und die EU-Fangquote

Im Oktober legte die EU-Kommission die neuen Fangquoten für diverse Fischarten vor, die in der westlichen und in der östlichen Ostsee leben und deren Bestände schwach oder sogar erheblich bedroht sind. Darunter der Hering und der Dorsch - beides sind die wichtigsten Fische für die Küsten- und Kutterfischer sowie für die Hobbyangler an der Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern. Wie die mit den Obergrenzen klarkommen, die zumeist noch strenger sind als je zuvor, berichtet Silke Hasselmann.

"Fischereiaufsicht Mecklenburg-Vorpommern - bitte einmal die Angel einziehen! Wir führen eine Kontrolle durch." Fischereiinspektor Christian Schmiedeberg unterwegs vor der Ostseeküste bei Boltenhagen. "Einen wunderschönen guten Tag! Erlaubnisschein und Fischereischein!" Angler 1:"Alles drinne." Inspektor: "Und dann nachher bitte einmal den Fang sehen. Wie viele Dorsche?" Angler 2:"Was sind Dorsche?" Inspektor (lachend): "Tja, weiß nicht. Habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen..."

Nach etlichen Stunden hätten sie bislang nur einen mickrigen Dorsch gefangen und wieder zurückgeworfen, sagen die Angler. Ihre Hoffnung sinkt, dass sie an diesem Tag die derzeit noch erlaubten sieben  Dorsche pro Person fangen  werden. Wahrscheinlich erreichen sie nicht einmal  fünf für jeden – die neue Höchstgrenze ab dem kommenden Jahr. Diese Tagesfanglimits – anfangs frustrierend für viele Dorschangler,  sagt Fischereiinspektor Schmiedeberg, selbst passionierter Petrijünger. Aber: "Wenn die Dorsch-Bestände so rapide zurückgegangen sind, wie es die Wissenschaftler festgestellt haben, dann kann man die Schutzmaßnahmen dieses Bestandes nicht nur auf die berufliche Fischerei abwälzen. Sondern da muss dann auch die Hobbyfischerei ihren Beitrag leisten."

Tatsächlich schrieb  Brüssel bis vor kurzem nur der Berufsfischer Jahresfangquoten vor - vor allem bei Hering, aber auch bei Scholle, Sprotte und Dorsch. 2017 mussten sich erstmalig auch Hobbyangler entlang der Ostseeküste an eine Dorsch-Obergrenze gewöhnen. Zunächst fünf  pro Tag und Angler. In diesem Jahr durften es schon wieder sieben sein. Doch vielen erging es wie dem Präsidenten des Anglerverbandes Mecklenburg-Vorpommern, Karl-Heinz Brillowski: " Die meisten Fische, die ich mal von einem Angelausflug mitgenommen habe, waren drei Stück. Also entweder waren sie zu klein oder ich habe gar keinen erst an den Haken gekriegt." Dass die Bestände zu schwach sind und vor Überfischung geschont werden müssten, das sehen auch die Angler ein, sagt der Rostocker und ist froh, dass die EU-Kommission die Obergrenze nur auf fünf Dorsche pro Tag und Angler gesenkt hat. Dass auch während der Schonzeit, wenn die Dorsche laichen, pro Tag zwei Tiere entnommen werden dürfen, hält Brillowski sogar für falsch. Ein typischer EU-Kompromiss, meint er, der mit seinem Verband 43.000 der insgesamt rund 100.000 Petrijünger im Land vertritt. "Wir hatten eigentlich dafür plädiert: Wenn Schonzeit, dann Schonzeit. Also gar keine zu entnehmen oder gar nicht erst darauf zu angeln. Aber dem ist nicht gefolgt worden, denn in der EU hat jeder sein Mitspracherecht. Und einige Nationen haben darauf bestanden, auch im Februar und März angeln zu wollen." Kritisch sieht der LAV M-V auch, dass das vorgeschriebene Schonmindestmaß der Tiere weiterhin bei nur 35 Zentimetern liegen soll. Man habe vergblich bei der Politik für 45 Zentimeter plädiert. "Das Grundprinzip des Mindestmaßes in der gesamten Fischerei ist ja, dass der Fisch eine solche Größe erreicht haben sollte, dass er mindestens einmal abgelaicht haben soll in seinem Leben. Die Wissenschaftler wissen, dass sich auch Dorsche mit 35 Zentimetern schon am Laichgeschäft beteiligen. Allerdings ist das Laichvolumen da sehr dürftig, auch weil die Eier recht klein sind.“

"Fünf Dorsche - meiner Meinung nach ein bisschen wenig. Man hätte sagen können: `Passt auf, wir machen ein Mindestmaß von 45 Zentimetern, und nach oben über 75 werden (auch) wieder zurückgesetzt. Dann hätten wir auch große Laichdorsche. Da rede ich aber schon seit zehn Jahren drüber." ...berichtet dieser ehemalige Küstenfischer aus dem vorpommerschen Sassnitz. Er hat sich, wie andere Kollegen auch,  mangels Perspektive im angestammten Beruf darauf verlegt, Angeltouristen auf seinem Kutter in die 6-Meilen-Zone vor der vorpommerschen Ostseeküste zu bringen. Bei denen sei der Dorsch der beliebteste Fisch. Doch seit 2017 das Tagesfanglimit eingeführt wurde, meinten viele Kunden aus Süd- und Westdeutschland, die Anreise lohne sich nicht mehr. "Uns hat´s eigentlich ganz schön hart getroffen. Hauptsächlich Angelkutter, die Mehrtagesfahrten machen. Die haben schon Storno-Quoten von über 50 Prozent. "

2017 fuhren noch etwa 30 Angeltourismuskutter auf die Ostsee. Heute sind  nur noch 17 unterwegs,  bestätigt der Agrar- und Fischereiminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus. Er hatte seinerzeit ein Tagesfanglimit für Hobbyangler befürwortet, sieht aber auch, dass es der Angeltourismus an der Ostseeküste seitdem schwer hat. Dabei sollte der eine Alternative für jene Küsten- und Kutterfischer sein, die sich wegen der seit Jahren sinkenden EU-Fangquoten für Hering und Dorsch nicht mehr von der Fischerei ernähren können. „Wir sind 1990 mit 1390 Unternehmen gestartet, und wir haben jetzt noch 226 Haupterwerbsfischer in Mecklenburg-Vorpommern. Jetzt laufen wir noch Gefahr, dass wir die nächsten hundert Betriebe verlieren. In Naturbegriffen würde man sagen: Das ist eine aussterbende Art."

Mit den von Brüssel festgelegten Höchstfangmengen für 2020 dürfen die Fischer in Mecklenburg-Vorpommern im ganzen Jahr nur noch 1000 Tonnen Hering und maximal 260 Tonnen Dorsch aus der westlichen Ostsee holen. Das ist bei beiden Arten eine Reduzierung der Fangquoten um 90% in den letzten fünf Jahren. Noch restriktiver sind die Regelungen beim Dorsch in der östlichen Ostsee, also im Fischereigebiet 24 östlich der Halbinsel Darß.Der Grund: Wissenschaftler des Rostocker Thünen-Instituts für Ostseefischerei haben beobachtet, dass der sogenannte Ost-Dorsch immer mickrigeren und schwächeren Nachwuchs produziert. Das hänge vor allem mit dem Sauerstoffmangel in den tiefen Bodenbecken und dem dadurch gestörten Nahrungsangebot für den Dorsch zusammen, erklärte jüngst Direktor Christopher Zimmermann im NDR. Leider könne der Mensch dem Fischbestand nicht so bald auf die Beine helfen, auch wenn eine Regulierung der Fischerei üblicherweise helfe.

"Beim Ost-Dorsch ist das anders. Da spielen inzwischen die Umweltbedingungen die entscheidende Rolle. Wir sagen: Die natürliche Sterblichkeit ist dreimal so hoch wie die fischereiliche Sterblichkeit. Das heißt, selbst wenn wir die Fischerei komplett zumachen würden, würde das nach unserer Vorhersage in den nächsten sechs oder sieben Jahren nicht unmittelbar zu einer Erholung führen. Das heißt, wir sind im Grunde mit den Managementsachen, die wir so machen können, am Ende angelangt, und können eigentlich nur sehen, wie wir so viel wie möglich Fischerei in der östlichen Ostsee offenhalten, denn da wird neben Dorsch rund eine halbe Million Fisch jedes Jahr angelandet.“

Man müsse sich einerseits bemühen, diese Fischereien zu erhalten, und ihnen andererseits ermöglichen, so wenig Dorsch wie möglich aus den Gewässern zu ziehen, sagt Christopher Zimmermann auch mit Blick auf den Dorsch als ungewollten Beifang.

"Und das geht zum Beispiel mit technischen Maßnahmen, indem man bestimmte Netze, Schleppnetze verwendet, die so selektiv sind, dass sie fast keinen Dorsch fangen, aber das Fangen von zum Beispiel Plattfischen erlauben."

Solche Netz werden unter anderem am Rostocker Thünen-Institut entwickelt. Doch die EU tut sich seit Jahren schwer mit der Zulassung. Der Schweriner Minister Till Backhaus (SPD) sucht derweil nach weiteren alternativen Einkommensquellen für die heimischen Ostseefischer und Kutterunternehmer, etwa Ausfahrten zu den sich wieder ansiedelnden Robben. Oder:

"Wir wissen, es liegt sehr viel Müll auf den Meeren. Warum können wir dann nicht als Staat den Fischern dafür Geld geben, dass sie die Geisternetze, auch Reifen, Müll und Schrott fischen?"

Noch bezahle das niemand. Doch die EU habe genügend Fördertöpfe, sagt der Schweriner Umwelt- und Fischereiminister. 

"Ich bin in den kommenden Wochen in Brüssel bei der Kommission in der Hoffnung, dass wir endlich auch dann wissen, mit welchem Kommissar wir es zu tun haben. Ich möchte den Vorschlag unterbreiten, hier etwas zu tun. Wir haben den Europäischen Meeres- und Fischereifonds. Der muss mehr Möglichkeiten öffnen."

DLF, Silke Hasselmann; Schwerin/ Görslow, den 22.11.2019