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Wie viele Kormorane verträgt das Land?

Andreas Schlüter, Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Naturschutz des LFV M-V e.V.

Erlegter Kormoran mit 12 Satzaalen, 1 Stunde nach Beginn des Aalbesatzes im Schweriner See, Herbst 2009
Im Rahmen eines vom Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz erstellten Gutachtens seitens der Universität Rostock sollte ermittelt werden, wie viele Kormoranbrutpaare im Land Mecklenburg-Vorpommern verbleiben können, um einen „guten Zustand der Population“ auf Dauer zu gewährleisten, andererseits jedoch die fischereilichen Schäden so gering wie möglich zu halten.
Im Vorfeld wurde dazu eine umfassende Literaturrecherche durchgeführt, um Aussagen aus anderen Regionen Europas mit unserer Situation zu vergleichen. Des Weiteren wurden statistische Daten zu verschiedenen populationsdynamischen Parametern analysiert und auf die mecklenburgischen Bedingungen angepasst. Danach wurden statistische Simulationen und Modellrechnungen durchgeführt, die zur qualitativen Gefährdungsanalyse und zur Abschätzung der Mindestgröße von Populationen dienten.
Erschwerend für gesicherte Aussagen für Mecklenburg-Vorpommern ist der Sachverhalt, dass es sich hier um keine in sich geschlossene sondern rundum offene Population handelt, die überall aus Europa wiederaufgefüllt wird.
Neben der momentanen Bestandssituation ist es nötig, den langfristigen (letzte 50 bis 100 Jahre) und/oder kurzfristigen Bestandstrend (10 bis 25 Jahre) zu kennen.
Des Weiteren spielen Einflüsse durch den Menschen (Habitatsverluste, Kontaminationen, Einschränkung der Reproduktion, Isolation von Teilpopulationen, zeitliche Begrenzung von Naturschutzmaßnahmen) sowie artinterne Veränderungen eine Rolle bei solchen Betrachtungen.
Die Mindestgröße einer geschlossenen Population beschreibt die Mindestanzahl der für das wahrscheinliche Überleben der Population in einem Gebiet bestimmter Größe mit festgelegter Wahrscheinlichkeit nötigen Individuen. Hier werden weder Immigration noch Emigration berücksichtigt. Deshalb sind alle diesbezüglichen Aussagen für Mecklenburg-Vorpommern nur hypothetischer Natur.
Weiterhin spielen solche Faktoren wie Habitats- und Ressourcenentwicklung, Klimaveränderungen und Schwankungen in der Populationsgröße eine große Rolle. Außerdem muss ein hinreichend großer Zeitraum (die nächsten 100, 200 Jahre) betrachtet werden.
Erschwert wurde die Einschätzung der Populationstrends durch das Fehlen wichtiger Parameterdaten wie die Zahlen der Nichtbrüter und Vagabunden, der im Lande überwinternden Kormorane und weitere Populationskenngrößen.
Deshalb wurden alle anderen Modellparameter aus entsprechenden Literaturangaben vergleichbarer Regionen (Dänemark, Niederlande, Polen, Finnland) übernommen und angepasst.
Bei den Ergebnissen ist festzustellen, dass die Umweltbedingungen in Mecklenburg-Vorpommern noch günstiger als in den Populationen der zum Vergleich herangezogenen Länder sind, da z.B. die Zahlen für Überlebensrate, Anteil Brütender und Fruchtbarkeit über den Literaturwerten liegen.
Unter Berücksichtigung dieser Ergebnisse wurden dann mehrere Modelle durchgerechnet:

1. Unregulierte Entwicklung der Brutpaaranzahl über 20 Jahre
2. Über Abschuss (30%) und Reduzierung der Eianzahl (33%) regulierte Entwicklung für einen
Zeitraum von 100 Jahren (Wiederauffüllung bei Abschuss 95%)
3. ausschließliche Eireduktion (38%) ohne Abschüsse für 100 Jahre

Es wurden Vertrauensintervalle berücksichtigt, die es auch im ungünstigsten Fall erlauben sollten, die minimale überlebensfähige Population zu gewährleisten.
Natürlich müssten solche Ermittlungen und Simulationen jährlich durchgeführt werden, um auf natürliche Schwankungen sowie Veränderungen von Umweltbedingungen angemessen reagieren zu können.
Dazu ist dringend erforderlich, die der Literatur entnommenen Parameter mit konkreten Zahlen für Mecklenburg-Vorpommern auszutauschen. Diese müssen jedoch erst einmal für unser Bundesland ermittelt werden. Weiterhin ist ein regelmäßiges Monitoring dieser Fakten nötig, damit eine Auslöschung des Bestandes vermieden wird und der Regulierungsgrad der Population optimal eingestellt werden kann.
Ohne Eingriffe durch den Menschen würde der Bestand der Kormorane in Mecklenburg-Vorpommern laut durchgeführt er Modellrechnungen innerhalb von 20 Jahren auf fast 50 000 Brutpaare steigen und die verbleibende Eizahl bei ca. 70 000 Stück liegen. Das hieße bei gleichgebliebener Umweltkapazität eine annähernde Vervierfachung der Brutpaaranzahl.
Wenn 30% der Vögel abgeschossen und 33% der Eier vernichtet würden, könnte die Zahl der Brutpaare auf lange Sicht (100 Jahre) auf die für das Überleben nötige Mindestzahl von ca. 1400 Brutpaaren reduziert werden (Variante A).
Selbst ohne Abschüsse bei erhöhter Eireduktion (38%) würden ebenfalls ca. 1400 Brutpaare nach 100 Jahren verbleiben (Variante B).
Als Fazit ist einzuschätzen, dass mittels Eingriffen des Menschen in Form von Variante A oder B auf lange Sicht ein überlebensfähiger Kormoranbestand eingestellt werden könnte.
Unter Berücksichtigung aller Fehlerquellen und Unwägbarkeiten bei Veränderungen der Umweltbedingungen sind Managementmaßnahmen wie oben beschrieben in der Lage, eine Population in sicheren biologischen Grenzen in Mecklenburg-Vorpommern zu erhalten.
Kormoran mit Fischen im Verdauungstrakt

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